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exhibition

„Man kann, und davon bin ich überzeugt, immer nur in der Mitte anfangen.“ So beginnt die 2001
entstandene autofiktionale Kurzgeschichte „Zwischen Juli und Oktober“, die Alex Müller noch als
Studentin schrieb und im Plenum vorlas. Bis 2025 wurde sie nie wieder gehört oder gelesen.
Gemeinsam mit anderen Materialien und Objekten, die Müller findet, sammelt, geschenkt
bekommt, abmontiert oder rettet, bildet sie eine Art Fundus. Wie ein Samenkorn in der Erde
wartete diese Kurzgeschichte auf einen Moment, in dem sie wieder ans Licht kommen und von der
Künstlerin in etwas anderes transformiert werden konnte: in diesem Fall in eine von der Wand
baumelnde weiße Doppeljeans mit vier über drei Meter langen Beinen, die wie Birkenstämme
aussehen und auf die Müller die ganze Geschichte von 2001 handschriftlich übertrug – als schier
endlose, obsessive Schreibrinde.

Wie alles in Müllers Sammlung ist auch diese Geschichte Teil eines Werkes, das sich damit
beschäftigt, was erinnert und vergessen wird, was physisch und psychisch in uns, in der Materie,
in unseren Beziehungen, Seelen und Gesellschaften eingeschrieben ist. „Gestern ist Heute“, Müllers
Ausstellungstitel, könnte beides andeuten: dass es ohne Erinnerungen, ohne ein Bewusstsein für
die Vergangenheit kein Heute gibt – aber auch, dass unser Heute immer schon das Gestern ist, auf
das zukünftige Generationen zurückblicken.

Müller transformiert Archivmaterial, persönliche Gegenstände und Fundstücke zu Gemälden,
Skulpturen und Installationen, die „in der Mitte“ sind, in denen verschiedene Zeitebenen
miteinander verschmelzen, einander aber auch widersprechen. Die Arbeit „Gestern ist Heute“ von
2026 ist ein Wandteppich aus schwarzem Samt, auf den Müller mit Bleiche gemalt hat – eine
Erinnerung an das Schlafzimmer der Künstlerin, die wie eine Art paranormales Röntgenbild
aussieht. Neben Bett und Wäscheständer erscheint Müller mit vielen herunterhängenden Brüsten,
wie Artemis, Göttin der Jagd, des Waldes, des Mondes und der Geburt – oder wie eine
Körperwahrnehmung der Menopause. In Müllers Werk sind das Mystische und das Profane eng
miteinander verwoben; nichts ist nebensächlich. Dabei dringt ihre Praxis tief in die Kunst- und
Zeitgeschichte ein. Doch das Material, das sie nutzt, um Materie und Bewusstsein zu verändern, ist
immer von persönlicher Geschichte durchsetzt, von malerischen Bezügen zur Moderne und
Nachkriegsmoderne, von Zeit und Vergänglichkeit, verdrängter weiblicher Geschichte,
Körperlichkeit und Sexualität.

Müller spürt in einer Soundinstallation mit den Geräuschen kopulierender Tauben und einer
Vorhangarbeit aus besticktem Leinenstoff, der monatelang im Freien lag, dem Begriff des
„Vögelns“ nach. Ihr Gemälde „Heddas Lust jetzt “ basiert auf einem Porträt von Müllers
Urgroßtante, die hier kostümiert, wie eine tintenblaue Schwester von Rousseaus
„Schlangenbeschwörerin“ erscheint. In dem Bild hallen die Malerei der Fauves und der deutschen
Expressionisten sowie die exotisch-kolonialen Träume des anbrechenden 20. Jahrhunderts nach.
Müllers Praxis hat dabei etwas Schamanisches. Die Art und Weise, wie sie Materialien der
Verwitterung aussetzt, bleicht und mit Wachs einschließt, lässt an Joseph Beuys oder Kai Althoff
denken. Die mit einer Haut aus Papier versiegelten Nussknacker, die sie in einer Mid-Century-
Vitrine arrangiert, wirken wie Totems aus der Nachkriegszeit. Ihre virtuose Malerei ist physisch,
voller Spuren, Flecken, Zitate und Querverbindungen. Zugleich erscheint sie geisterhaft und zeitlos
– ein Gestern, das unfassbar heutig ist.

Text: Oliver Koerner von Gustorf

Alex Müller_Heddas große Lust (Hedda’s Great Desire)_2026_ink on canvas_95 x 75 cm_Courtesy Haverkampf Leistenschneider_Photo Jens Ziehe

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